Wirtschaftswachstum, Klima, Krise – Vortrag und Diskussion 17.10.19

Das gesamte gesellschaftliche Leben ist heute dem Wirtschaftswachstum verpflichtet. Diesem Ziel wird im Zweifel alles untergeordnet – Menschenrechte, die Natur, unsere Zukunft?! – Doch was hat es mit diesem „Wirtschaftswachstum“ auf sich? Wie entsteht es? Ist grünes Wachstum möglich? Müssen wir auch in Zeiten von Monopolen wachsen? Inwiefern hängen soziale und ökologische Fragen zusammen?

Ein theoretischer aber einführender Vortrag soll die aktuelle Wirtschaftsordnung und ihre Tücken beleuchten. Anschließend kann diskutiert werden.

Dossier: Wirtschaftswachstum aus marxistischer Perspektive

 

Antinational Geographic N°6

Die sechste Ausgabe der Antinational Geographic ist da! Alle Artikel sind als Blogeintrag weiter unten zu finden.
Die ersten Printausgaben wurden schon auf der Forschungswerkstatt kritische Geographie verteilt. Überarbeitete Nachdrucke gibt es bald auf den Geocampussen in Berlin, bei unseren Veranstaltungen und an unerwarteten Orten zu finden.

Zwei Artikel sind noch nicht im Inhaltsverzeichnis aufgelistet.

Errekaloer Bezirk Nr. 23 – Ein besetztes Viertel im Baskenland

IV. (Menschen sterben und ihr schweigt)

Der Kapitalismus und das Autoritäre

„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“  Max Horkheimer

Seit einiger Zeit erleben wir einen globalen Rechtsruck. Die neoliberale Weltordnung bröckelt. Von Rechts wird meist ein völkischer autoritärer Kapitalismus als „Alternative“ dargeboten. Das Wiedererstarken von Rechtspopulist*innen und Neonazis in Deutschland und Europa, die Begeisterung für Erdogan, Putin und Trump, die Wahl Bolsonaros in Brasilien, das Auftreten islamistischer Bewegungen oder der Erfolg der Hindu- Nationalist*innen in Indien sind dafür nur einige Beispiele. Eingesessene autoritäre Regime halten sich hartnäckig durch Repressionen, aber auch durch relative Zustimmung in der Bevölkerung. Aktuell gelten nur 60% der Staaten als demokratisch. Doch wieso sind autoritäre Bewegungen auch im 21. Jahrhundert weltweit noch immer so erfolgreich? Aus welchen gesellschaftlichen Grundbedingungen erwachsen sie?

 

 

Autoritäre Ideologien

Was die sehr verschiedenen autoritären Bewegungen eint sind starke ideologische Ähnlichkeiten. So wird meist eine Gemeinschaft konstruiert, die sich auf nationale oder religiöse Identitäten bezieht. Diese sei stark, relativ einheitlich und zeichne sich durch gemeinsame Interessen aus. Klassenunterschiede werden dabei meist verschleiert. Das “Wir” werde bedroht durch “die Anderen” – äußere Feinde, Flüchtlinge, Globalisierung und Moderne, religiöse Minderheiten oder eine Verschwörung. Außerdem werden traditionelle Werte, Gehorsam und Konformität geschätzt. Die Agitator*innen solcher Ideologien stellen sich oft als „große kleine“ Männer oder Frauen dar, um Identifikation zu ermöglichen und gleichzeitig Macht zu verkörpern. Sie binden die Anhänger*innen durch die ständige Erzeugung innerer Aufregung an sich.

Aufklärung und Freiheit

Die Gedanken der Aufklärung sind bis heute sehr wichtig für die Entwicklung von Wohlstand und Freiheit. Doch dieses Denken beinhaltet auch die Tendenz, alles Natürliche und Menschliche zum Objekt zu erklären. Die Objekte werden einer Zweckrationalität, wie der Maximierung eines Nutzens, untergeordnet. Der Geist wird als Verstand zum bloßen Werkzeug. In der modernen bürgerlichen Gesellschaft, der verwalteten Welt, wurden die kritischen Ideen der Aufklärung auch zur Ideologie, also Schleier und Rechtfertigung, bestehender Herrschaftsverhältnisse. Der Gedanke, dass Fortschritt – Bildung, Forschung und technische Innovationen praktisch automatisch zu einer freien Gesellschaft führen, sei, so könnte Mensch meinen, in sowjetischen Gulags und vor allem in nationalsozialistischen Konzentrationslagern begraben worden.

Totalität des Kapitalismus

Der Kapitalismus erscheint uns heute oft nicht als historisch gewachsen und vergänglich, sondern verdinglicht – selbstverständlich, gar als einziges der “menschlichen Natur” entsprechendes System. Allerdings war die Herausbildung dieser Gesellschaftsordnung ein Jahrhunderte dauernder und oft brutaler Prozess. In feudalen Systemen wurde gearbeitet, um die Gemeinschaft zu versorgen und unter Androhung von Gewalt den Machthaber*innen einen Teil zu überlassen. Der Tausch von Waren spielte eine andere Rolle.

Eine Grundbedingung der Herausbildung des Kapitalismus lag in der Trennung der Arbeiter*innen von den Produktionsmitteln. Zynisch schreibt Marx von „doppelt freien“

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Gentrification und die Misere der Wohnungswirtschaft – eine anarchistische Kritik

Gentrification. Es gibt zu viele Artikel und Nachrichtensendungen dazu. Zu viele Beiträge, die der Veränderung von Stadtvierteln durch Modernisierung und den Lebensstil einer irgendwie als yuppie- bis hipsterig verklärten Menschengruppe gewidmet sind. Und es gibt gleichzeitg zu wenig über Gentrification als Verdrängung von Wohnenden und Mietenden durch Profitinteressen. Beiträge, die die auf Einkommens- und Klassenzugehörigkeit basierende und teilweise auch rassistische Verdrängung thematisieren. Was Gentrification bedeutet, ist die Verbannung von Menschen aus der Zentralität städtischen Lebens. Und trotz all dieser Unschärfe, diesem Überschuss und Mangel wird etwas Wesentliches vernachlässigt: Gentrification, der Profit mit der Miete und dem Eigentum am Wohnen, ist keine Geschichte der bösen Privatwirtschaft, sondern eine Frage staatlicher Herrschaft. Eine Frage der Unterdrückung einer Klasse durch eine andere. In diesem Essay sollen zwei Aspekte betont werden: Gentrification und der Profit mit dem Eigentum an Grund, Boden und Wohnung (mit der Grundrente) ist (a) eine Klassenfrage und (b) es ist eine Frage staatlicher Herrschaft: durch Gentrification und steigende Mieten finanzieren wir den und unterwerfen wir uns unter den Staatsapparat, der uns gleichzeitig die sozialen Dienstleistungen und die öffentliche Daseinsvorsorge raubt. Wir haben Teil an unserer eigenen Unterdrückung. Weiterlesen →

Sie handeln nicht und wenn doch falsch

Ein Kommentar zu den FridayForFuture-Protesten von Subcomandante Mausi

Seit über 20 Wochen streiken Studierende und Schüler*innen jeden Freitag, gehen auf die Straße und rütteln die Gesellschaft wach. Beim globalen Aktionstag am 15. März forderten nicht nur in Europa, sondern auch in Tokyo, Kapstadt und Sydney ein entschlossenes Vorgehen gegen die Klimakrise. Auch Professor*innen haben sich den Protesten unter dem Namen Scientists for future angeschlossen. In Berlin demonstrierten neben Geostudis – die FSI Geographie an der „Freien“ Uni und wir hatten ebenfalls mobilisiert – mindestens 25.000 Menschen!

Dabei entstehen schon jetzt neue Allianzen: Als im Hambacher Forst zwei Wochen später Räumungsfahrzeuge der Polizei anrollten, um Bodenstrukturen zu zerstören, stellten sich Schüler*innen aus Köln ihnen in den Weg. Wenn Ende Gelände im Juni die Braunkohleinfrastruktur blockieren wird, streiken die Schüler*innen und organisieren eine Großdemonstration. Der Klimagerechtigkeitsbewegung kann das nur helfen.

Damit der Druck steigt und der Klimawandel als existentielles Problem endlich von allen wahrgenommen und bekämpft wird, ist ziviler Ungehorsam und Widerstand weiterhin wichtig: Ohne den Schulstreik, ohne die Besetzung des Hambis und ohne Ende Gelände würden wir weiter stillschweigend auf die Katastrophe zusteuern. Gleichzeitig dürfen wir uns nicht beschwichtigen lassen von halbgaren Versprechen der Politik, die selbst bei bester Umsetzung nichts ändern. Wie die ScientistsForFuture bei ihrer Pressekonferenz in Berlin erklärten kann die Klimakrise nur überwunden werden, wenn wir ein Wirtschaften nach dem ewigen Wachstumsmantra beenden. Wirklicher Klimaprotest muss antikapitalisitsch sein, denn eine Welt mit begrenzten Ressourcen kennt nichts widernatürlicheres als ein Wirtschaftssystem des ewigen Wachstums! Dieser Meinung sind auch Streikende von FFF in mehr als 30 Städten – sie haben sich jetzt zur Plattform ChangeForFuture zusammengeschlossen. Denn: There is no green capitalism.

Deshalb ist es wichtig, dass wir nicht nachgeben: Auf die Politik können wir uns nicht verlassen und Forderungen an sie zu stellen ist zwecklos. Reformansätze wie auch die von FFF geforderte allgemeine CO2-Steuer sind nur ein weiteres Mittel neoliberaler Politik, die die Klimafrage ohne die soziale Frage denken. Es sind die, die reich sind und Kapital besitzen, die den größten Ausstoß an Treibhausgasen verursachen. Und es sind die auf dieser Welt, die wenig bis nichts besitzen, die am Stärksten darunter leiden. Deshalb brauchen wir keinen neoliberalen „Klimaschutz“ sondern Klimagerechtigkeit. Echte Veränderung wird immer noch von unten erkämpft. Wir Studis und die Schüler*innen müssen unseren Streik noch ausbauen! Wir streiken und wir handeln – denn Klimagerechtigkeit bleibt Handarbeit! Für eine erneuerbare, dezentrale und selbstverwaltete Energiegewinnung und -versorgung – in einer befreiten Gesellschaft!

Good Bye, Time

„Diese Zeit ist wirklich langweilig und sieht noch nicht mal aus…“ – Hartl Zarsch

Kann nichts außer sich bewegen und das auch nur in eine Richtung. Außerdem gibt es so wenig davon. Zumindest wenig die uns gehört. Was sterben wir heutzutage früh, ein paar Jahrzehnte, was ist das schon. Wie soll eins in dieser Zeit, all diese Sachen schaffen. Bildung, ist das A und O, und wir brauchen viel davon. Um zu verstehen, zu beeindrucken…. Wehe ich kann irgendwo nicht mitreden. Um über den eigenen Tellerrand zu blicken, in den Teller daneben, um zu sehen, dass da ja viel mehr drin ist. Verdammt, woher nimmt sich der Arsch denn die Zeit dafür. Wahrscheinlich von mir… Muss arbeiten um Geld zu verdienen und was zu leisten. Arbeit ist wichtig, für eine funktionierende Gesellschaft oder zumindest das indoktrinierte Pflichtbewusstsein und im schlimmsten Fall das Ego. Sport, na klar, das macht Spaß, besonders in einem kleinen Raum der nach Schweiß stinkt… pardon riecht, steigert das Selbstvertrauen und ist gesund. Gesund ist gut, das gibt mehr Zeit.
Und feiern gehört dazu. Am Wochenende dann, das hab ich mir aber auch verdient. Vllt sogar Droooooggggeeeeennn. Because that’s my Identity. Fuck these bürgerlichen Spießer*innen. Und jetzt haltet die Schnauze, ich muss schlafen, ich muss morgen funktionieren… Ich hab nämlich Funktionen. Die sind wichtig, ich bin wichtig. Dann dieser Körper, kein Zeitgefühl. Scheiß Hunger, wir haben keine Zeit zum Essen. Renn jetzt, Energie essen wir später. Aber nicht die von Aldi, sondern die von Alpro…
Das Abenteuer darf aber nicht zu kurz kommen, erleben und reisen und begegnen, genauso wie der tolle Bukowski Charles und die Beatniks. In meiner Freizeit bin ich nämlich Avantgarde! Den Sexismus dieser Charles und Bukowskis schieben wir auch mal schön der Zeit in die Schuhe.

Komischer Text. Drogen schreibt eins mit wesentlich weniger Os, Gs, Es und Ns, aber das ist natürlich nicht der springende Punkt.
Der springende Punkt ist Zeit… Zeit als Konstrukt, Zeit als kollektiver Freiheitsentzug, Zeit als Mythos, an dem wir alle weben.
Die Geschichte einer neuen Perspektive, die scheinbar materialisiert wurde und seitdem in einer kleinen Schatzschatulle neben dem Bett, mit Faust und Blut verteidigt wird und zwar vor sich selbst oder zumindest den eigenen Interessen und Allen die sich wünschen würden, dass wir ihnen ein bisschen davon schenken…
Und hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre der Text vllt auch schlüssiger geworden und ich hätte Wörter ausgeschrieben anstatt Abkürzungen zu verwenden. So who am I to talk…

Ökl

 

Buchempfehlungen

Farbe bekennen“,

verfasst von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz, gilt als Meilenstein bezüglich Rassismus/ rassistische Erfahrungen  in Deutschland. Es ist das erste veröffentlichte Buch der Afro-Deutschen und  hier wurde erstmals schriftlich der Begriff Afro-Deutsch verwendet. Audre Lorde, (die auch an der „Freien“ Universität unterrichtete), leierte an, dass dieses Buch geschrieben wurde und betreute es auch. Es wird zurzeit leider nicht mehr (viel) gedruckt und ist natürlich überall vergriffen aber falls ihr es mal auf einem Flohmarkt oder An-und-Verkauf, Wohnungsauflösung oder im Internet finden solltet; unbedingt mitnehmen!

 

„Eure Heimat ist unser Albtraum“,

herausgegeben von den wunderbaren Menschen/ Journalist*innen Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir und ist eine Essaysammlung von den unterschiedlichsten Autor*innen (u.A Margarete Stokowski, Saha Marianna Salzmann, Nadia Shehadeh und viele mehr). Die Idee zu diesem Buch entstand zeitgleich mit der Taufe des sog. „Heimatministeriums“ und erötert kritisch den skurrilen Begriff „Heimat“ und dieses mal ausnahmsweise mal nicht aus der Sicht alter weißer Männer, sondern  aus der Sicht von 12 deutschsprachigen Autor*innen, die über oft übersehende aber existenziellen Aspekte marginalisierter Lebenserfahrungen in Deutschland schreiben und sich so gemeinsam an diesem Begriff abarbeiten.

 

Wie wir begehren

Entdecken wir das Begehren oder entdeckt das Begehren uns? Wie frei sind wir, unser Begehren zu leben?
In ihrem so persönlichen wie analytischen Text schildert Carolin Emcke das Suchen und die allmähliche Entdeckung des eigenen, etwas anderen Begehrens. Sie erzählt von einem homosexuellen Coming of Age, von einer Jugend in den 1980er Jahren, in der über Sexualität nicht gesprochen wurde. Sie buchstabiert die vielen Dialekte des Begehrens aus, beschreibt die Lust der Erfüllung, aber auch die Tragik, die gesellschaftliche Ausgrenzung dessen, der sein Begehren nicht artikulieren kann. Eine intime wie auch politische Erzählung über ‚das‘ Begehren.

 

„Deutschland Schwarz Weiß“

von Noah Sow, ist ein wunderbares Buch zum Einstieg über rassistische Strukturen und welche Rolle weiße Menschen dabei spielen. Beim Lesen wird es oft durchaus unbequem für weiße Menschen, denn Rassismus bekämpfen heißt ihn zunächst zu verstehen und dabei eigene ‚Gewissheiten‘, Sprache und Verhalten kritisch zu hinterfragen und zu verändern.

Egal für wie ‚rassismusfrei‘ ihr euch haltet, ihr seid es nicht und deshalb ist das Buch quasi Pflichlektüre für alle die es noch nicht gelesen haben!

 

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Gangsterboss Arturo Ui will Chicagos Gemüsehandel in seine Gewalt bringen. Die Mitglieder des Karfioltrusts stecken in wirtschaftlichen Schwierigketenn und veruntreuen städtische Gelder. Mit diesem Wissen zwingt Ui den angesehenen Politiker Dogsborough dazu, für ihn zu bürgen, sein erster Schritt um an die Macht zu kommen.

Der „aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ ist ein Theaterstückvon Bertholt Brecht aus dem Jahr 1941 in Parabelform, um die einzelnen Stationen von Hitlers Machtaufstieg in Deutschland darzustellen. Im Anhang befindet sich eine Erklärung für welche Entwicklung im Aufstieg Hitlers jede Szene steht. Es liegt nahe, dass Brecht die Ereignisse nicht als schicksalhaftes Verhängnis sah, sondern als die Konsequenz der herrschenden, kapitalistischen Verhältnisse.

 

Planet der Habenichtse,

Eine Revolution führte dazu, dass die Revolutionäre den Planeten Urras verließen und sich auf dem Urras-Mond Anarres ansiedelten. Auf Anarres wurde ein anarchistischer Gegenentwurf zu Urras, welcher dem kapitalistischen Westen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ähnelt,  umgesetzt, bestimmt durch die Ideale „Freiheit“ und „Gleichheit“. Doch die Abwesenheit formaler Autorität ist nicht gleichbedeutend mit Freiheit, sondern hat verdeckte Machtstrukturen hervorgebracht.

Der Roman von Ursula K. Le Guin ist eine Utopie, der sich Anarchismus, Kapitalismus, Individualismus, Kollektivismus und Feminismus beschäftigt. Anhand der Hauptfigur des Physikers Shevek, wird das Leben in diesen beiden Gesellschaftsentwürfen wiedergespiegelt, da dieser auf Anarres lebt, aber auf eine Einladung hin nach Urras reist.

Im Affekt ramontisches Land

Nicht weit reisen, wenn das Schöne doch so nah liegt – das Elbsandsteingebirge, die Mecklenburgische Seenplatte, die gute alte Ostsee. Raus aus den städtischen Blasen, rein in die weite Natur, die unberührte Natur und die unbeirrte Natur. Kein Nachdenken über pseudo Weltverbesser*innen, ausgebrannte und fast verglühte Gemüter. Stille – und entschleunigter Alltag; das ist das was Menschen auch mal brauchen, „einfach mal über nichts nachdenken und durchatmen“.

 

Diese Art der Geopsyche funktioniert für mich nicht. Sobald ich mich in Räumen bewege, die für ihre Ländlichkeit romantisiert werden, tritt ein gegensätzlicher Mechanismus ein: Bedrängung, obwohl so viel physischer Raum vorhanden ist; Unwohlsein vom Gedanken regionaler Strukturen, weil ich darin keine freundlichen Nachbar*innenschaften erkenne. Eine Endloskette des Nachdenkens, die nichts mit Loslassen und Gedanken schweifen zu tun hat.

 

Ich denke an meinen Körper, der nicht in diese idyllische Natur gelesen wird,

Ich denke an gelangweilte Menschen in diesen Straßen und Dörfern, die Opfer suchen,

Ich denke an ebendiese Menschen, deren Opfer Körper sind, denen sie absprechen in ihre romantische Welt zu passen,

Ich denke an Erinnerungen in – Käffern – in denen ich sein musste und mir rassistische Beleidigungen anhörte bis ich im Strahl kotzte,

Ich denke an Nazis an jeder Ecke, und dass ich nicht unversehrt bleiben werde.

 

All diese exklusiven Freiräume, die sich in meinem Kopf als Keimzellen rechtsextremer Natur aneinanderreihen, über kilometer hinweg, möchte ich brechen, damit Strukturen zugelassen werden, die ebendieses, vielleicht schöne und ramontische Land, besetzen können.

 

Aber ich habe Angst.

Angst, von der ich nicht weiß, ob und wann ich sie ablegen kann.

 

                                                                                                                  flummifuchs

 

Errekaloer Bezirk Nr. 23 – Ein besetztes Viertel im Baskenland

Am südlichen Stadtrand von Victoria-Gasteiz liegt es, dass so sagen die Leute hier: ”größte Squad in ganz Europa”. Tatsächlich gibt es jedoch auch noch größere besetzte Gebiete auf dem Kontinent, so zum Beispiel Christiania in Kopenhagen. Nichtsdestotrotz hat Errekaloer einiges zu bieten. 2013 wurden 25 Häuser besetzt und seit dem als Wohninfrastruktur genutzt. Des Weiteren gibt es hier einen Veranstaltungsraum mit Bar, in dem regelmäßig Veranstaltungen stattfinden, sowie eine große Sporthalle,  in der sich ein Gym, eine Werkstatt mit Waschküche und eine Freebox befinden. Ein DIY-Kino, eine Bibliothek mit großer Küche und ein riesiger Garten, der eher als Acker zählt befinden sich ebenfalls auf dem offenen Gelände. Die Siedlung stand über längere Zeit leer, da der Firma, in dessen Auftrag die einfache Arbeiterinnen-Siedlung errichtet wurde das Geld ausging.

Die Gemeinschaftsräume sind für jede Person, die hier wohnt oder für Freunde und Bekannte zugänglich. Die Häuser sind in autarken Hausgemeinschaften organisiert. Eine Hausgemeinschaft umfasst meist 6-7 Menschen, die zusammen wie in einer Wg leben. Einige Hausgemeinschaften definieren sich auch über bestimmte politische Ausrichtungen. Diese untergliedern sich in feministische Kämpfe, Umweltaktivismus, Kommunismus und Anarchismus. Dazwischen gibt es auch ganz gemischte Gemeinschaften. Insgesamt wohnen hier zirka 150 Personen.

Ich bin durch einen Freund in der Nr. 23 untergekommen. Das Haus hat eine Wohnküche mit Ofen, einen Gasherd, so wie ein Klo und diverse Räume, in denen die Besetzerinnen wohnen. Was mir sofort aufgefallen ist, als ich das Haus betreten habe, ist der Temperaturunterschied. Das Haus scheint einfach keine Dämmung zu besitzen. Innen sind es in der Regel immer um die 10 Grad, während außen angenehme 20 vorherrschen. Der Ofen in der Küche soll allerdings erst angemacht werden, wenn die Raumtemperatur unter 10 Grad fällt. Das wird jedoch zum Glück nicht immer so konsequent eingehalten ;). Meine Hausgemeinschaft hat mich trotz meiner schlechten Spanischkenntnisse wohlwollend aufgenommen. Tatsächlich fühlte ich mich schnell wohl mit den Leuten, was ich schon eher als ungewöhnlich bezeichnen würde. Ich kann tatsächlich sagen das es ein familiärer Umgang war, den ich erleben durfte und den ich auch bei den Bewohnerinnen untereinander erlebt habe.

Strom bekommt Errekaloer ausschließlich durch Solarenergie. Um warm duschen zu können braucht es ebenfalls Strom, weswegen eine heiße Dusche nur zwischen 9 und 17 Uhr möglich ist und wenn die Energie weg ist heißt es bis zum nächsten sonnigen Tag warten oder sich ins Sportcenter in der Nähe schleichen, um da der feuchtfröhlichen  Wohltat zu fröhnen. Es findet sich eben immer eine Lösung und man lernt hier Luxus wirklich zu schätzen und auch wertzuschätzen, in dem Sinne zu schätzen, als dass man den Wert von Luxusgütern herabsetzt, da sie für das gute Leben gar nicht nötig sind. Was wirklich wichtig ist und glücklich machen kann, ist Gemeinschaft. Das merkt man hier schon deutlich. Zum Beispiel beim Essen. Eine oder zwei Personen kochen immer in wechselnder Besetzung für die ganze Hausgemeinschaft. Oft tuen sich auch mehrere Hausgemeinschaften zusammen und essen gemeinsam, wobei jede Hausgemeinschaft ihr eigenes Essen mitbringt und dies dann mit allen teilt. Die Zutaten werden auf verschiedene Weise generiert, alles möglichst Kosten günstig. So wird weniges eingekauft, manches selbst angebaut oder von verschiedenen Lebensmittelausgaben abgeholt. Das bekannte Prinzip des Containerns funktioniert in Spanien nur bedingt, da die Supermärkte dazu verpflichtet sind keine Lebensmittel wegzuschmeißen. Für Einkäufe gibt es eine Sammelkasse. Ich fand das Essen immer super, da es quasi zweimal am Tag Küfa gab und da immer ganz viele unterschiedliche Gerichte zusammenkamen und es dann geteilt wurde, wobei es immer genug zu essen gab, meist sogar zu viel.

Ich könnte noch von den Partys, die in der Regel am Wochenende stattfinden oder dem feiern des Newroz berichten. An sich unterscheiden diese sich jedoch wenig von Szenepartys in Berlin. Sie sind sich sogar so ähnlich, dass bei einer sogenannten “Tuntenparty” ein eigener Darkroom gebastelt wurde, in welchem es auch Gerüchten zufolge heiß herging.

Da ich nur wenig Zeit hier verbracht habe, habe ich noch ein Interview mit zwei Personen aus meiner Hausgemeinschaft geführt, um auch ein bisschen Langzeitperspektive einzufangen:

Was bedeutet Errekaloer für dich?

X: Ein Ort, an dem ich die Dinge machen kann, auf die ich Lust habe. Ein Ort an dem man Zeit hat. Es gibt hier wenig Stress, es wird immer zusammen gegessen, das gefällt mir sehr. Man muss hier auch kein Geld haben oder nur sehr wenig. Man lernt hier Dinge auch ohne Geld zu lösen. Ich habe hier ebenfalls die Möglichkeit politische Aktionsformen kennenzulernen und mich mit Politik intensiver zu beschäftigen.

Y: Es ist ein Ort an dem ich ähnliche, interessante und spezielle Menschen treffen kann und mit ihnen zusammenlebe. Hier kann man praktisch lernen mit Emotionen umzugehen und in der Gemeinschaft zu leben.

Wie ist das Miteinander hier?

Y: Das ist hier wie eine große Familie. Man kann mit Problemen zu anderen Menschen gehen und die sind in der Regel für einen da. Das ist hier gelebte Praxis von Gemeinschaft. Am Anfang habe ich mich hier nicht gut gefühlt, da ich mit mir selber beschäftigt war und das Gefühl hatte es passiert hier nicht genug, aber nach einiger Zeit habe ich meinen Platz hier gefunden und verstanden wie es hier funktioniert. Jetzt fühle ich mich richtig wohl und ich habe tolle Menschen um mich rum, Menschen, die mich inspirieren.

X: Auch ich schätze die Gemeinschaft, bin aber auch noch nicht lange hier und kann deswegen nicht so viel dazu sagen.

Errekaloer ist bis heute besetzt. Hat Errekaloer dadurch ein revolutionäres Potential?

X: Ja hat es, da es ein Antisystem-Projekt ist und wir hier quasi ohne Geld leben und mit unserem gemeinschaftlichen Leben aufzeigen, das eine andere Gesellschaft möglich ist.

Y: Klar hat es ein revolutionäres Potential, hier wird Theorie gelebt, die anderswo immer nur theoretisch besprochen wird. Das ist eine Manifestation von politischen und gesellschaftsverändernden Ideen. Außerhalb existiert Gemeinschaft oft nur auf dem Papier oder sie hat bestimmte Grenzen, diese werden hier aufgebrochen.

Meinst du von hier geht die nächste große Revolution aus?

X: Ja ich würde selbst sagen, dass mich das Projekt revolutioniert.

Y: Ja, möglich wäre es.

 

Autor(itäre) Einschätzung:

Ich schätze Errekaloer als ein revolutionäres Projekt ein, das vor allem nach innen wirkt. Natürlich wirkt es auch in Teilen nach außen, jedoch sind dies einzelne Aktivistinnen, Gruppen oder Veranstaltungen, die sich hier treffen um dann Inhalte nach außen zu tragen. Die meisten Leute, die hier leben sind auch eher Anfang 20 bis Ende 30. Ein wirklich revolutionäres Potential, das weit in die Gesellschaft hineinreicht, kann ich hier leider nicht ausmachen. Dazu fehlt es beispielsweise an einem breiteren Abbild der Gesellschaft, wie sie tatsächlich ist. Der Background, das Errekaloer von Studentinnen besetzt wurde, zeigt sich weiterhin in der Bewohnerinnenschaft. Der Anteil von geflüchteten, alten oder tatsächlich bedürftigen Menschen ist wie in vielen anderen Projekten eher gering. Es ein Ort, an dem sich die Szene trifft und lebt wie es sie an vielen Orten gibt und eher als Insel im grauen Sumpf der restlichen Gesellschaft zu betrachten, als das Paradebeispiel für eine revolutionäre Gesellschaftsordnung. Ein Projekt das frei von Kritik ist wird es wohl kaum geben, deswegen ist es selbstverständlich richtig und wichtig dieses Projekt zu unterstützen! Einen Vorteil den Errekaloer hat ist die Beziehung zum Unabhängigkeitsgedanken der Basken, der weit in die in den Gebieten lebende Bevölkerung hineinreicht. Dieser kann als Schlüsselpunkt für andere Inhalte gesehen werden, die durch die autonome Szene hineingetragen werden. Sympathien aus der baskischen Bevölkerung sind durchaus vorhanden. So beteiligt sich das Projekt auch rege an Veranstaltungen, die für die Unabhängigkeit kämpfen.

 

Blœke